Der goldene Winkel – was braucht man, um zu gewinnen

Wie das Cashback World Racing Team den Balaton-Track dominierte

Der Balaton war Gastgeber eines der spannendsten Rennen der bislang 14 Saisons beim Red Bull Air Race. Einer der Gründe, warum es so fesselnd war, lag an den verschiedenen Fluglinien, die die Piloten wählen konnten, um eine erstklassige Zeit in den Track zu zaubern.

Und es wurde nicht nur spekuliert. Nach jeder Session sah man die Master Class Piloten vor ihren Laptops hocken, vertieft in intensive Gespräche mit ihren Taktikern, um zu sehen, was sie falsch gemacht haben und wo man sich noch verbessern kann.

Ein Team, das die Strecke verstanden hatte und auch die Ranglisten anführte, war das Team Cashback World Racing. Pete McLeod, der Pilot des Teams, wurde am Ende Dritter und lag lediglich 0,127 Sekunden hinter Rennsieger Matt Hall und nur 0,009 Sekunden hinter dem Zweitplatzierten Ben Murphy. Es war eine Trendwende für McLeod, der in den ersten beiden Rennen der Saison nur jeweils den neunten Platz belegt hatte.

Werner Wolfrum wurde zu Beginn der aktuellen Saison als Taktiker Teil des Teams an Bord geholt – er ist jedoch kein Unbekannter in diesem Sport. Wolfrum war Teil des Teams von Hannes Arch in der Saison 2015, in der der Österreicher zwei Rennsiege und den dritten Platz in der Gesamtwertung einflog. Er weiß also genau, wie man die Gewinnerlinie findet.

„Meine besondere Fähigkeit ist, dass ich spezielle Tools entwickelt habe, um Pete Vergleiche in einer 3D-Visualisierung zu zeigen“, erklärt Wolfrum seine Aufgabe im Team. „Wir können den Blickwinkel in einem bestimmten Raster verschieben und vergleichen, indem wir die Rennlinie weiter vor uns betrachten, um zu sehen, wie es in den nächsten Sekunden weitergehen wird. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und eine animierte 3D-Ansicht mehr als eine Million...“

Wenn er auf das fantastische Ergebnis seines Piloten in Ungarn zurückblickt, weiß Wolfrum genau, wo er seinen Vorteil gegenüber anderen Piloten ausgenutzt hat. „Am Balaton war Gate 5 [das auch Gate 13 war] mit der Streckenbegrenzungslinie die Herausforderung und der Schlüssel, besonders bei Wind. Wenn man flacher fliegt, erhöht sich der Effekt des ‚Surfens‘ auf dem Windwiderstand mit der Gefahr, die Streckenbegrenzungslinie zu überschreiten. Vertikal zu fliegen, ist sicherer in Bezug auf die Streckenbegrenzungslinie, verbraucht aber mehr Energie“, erklärt er. „Hier mussten wir den goldenen Winkel finden, und das war nicht leicht einzuschätzen, zumal der wechselnde Wind einen großen Einfluss hatte.“

Der Goldene Winkel

Der 'Goldene Winkel' ist ein Begriff, den Wolfrum und McLeod verwenden, um sicherzustellen, dass sie die perfekte Linie durch ein besonders kniffliges Gate finden. Wolfram sagt jedoch direkt, dass das nicht leicht zu klären ist.

Um McLeod die Strecke zu veranschaulichen und zu erklären, nahm Wolfrum ein Blatt Papier und hielt es zwischen der Streckenbegrenzungslinie und dem Gate. Er verbog das Papier, um McLeod zu zeigen, dass er, wenn er eine flachere Wende fliegt, die Streckenbegrenzungslinie berühren würde, wenn er jedoch vertikaler fliegt, hätte McLeod etwas mehr Platz.

Bei mehr Wind von der Seite könnten die Piloten eine etwas flachere Linie nehmen, da der Wind sie von der Streckenbegrenzungslinie wegzieht. Mit dieser Methode hat Wolfrum McLeod also gezeigt, dass ein extrem harter Pull am Limit die kürzeste Methode sein könnte. Aber nach dem vertikalen Wendemanöver war das Flugzeug immer langsamer als bei einer vertikalen Wende, die in Bezug auf den Radius nicht perfekt geflogen war. Wenn der Radius etwas größer wäre, wäre auch das Flugzeug schneller.

Das 3D-Visualisierungstool von Werner Wolfrum

Aus diesen Kombinationen konnte er schlussfolgern, was zu tun ist, um mehr oder weniger die optimale Linie zu fliegen. “Es macht keinen Sinn, dem Piloten einen mathematischen Ausdruck zu geben oder ihm zu sagen: 'Das sind die Streckenparameter, flieg es genau so'“, sagt Wolfrum. „Der einzige Weg, wie er den ‚Input‘ nutzen und mit ihm arbeiten kann, ist, ein ‚Gefühl‘ für die kürzeste Strecke zu entwickeln. Das funktioniert meiner Meinung nach nur mit einer umfassenden Diskussion über die problematischen Zonen und wenn man die Optionen der Strecke kennt. Der Pilot hat die meiste Erfahrung – und immer mehr als ein Taktiker. Für mich ist das Feedback meines Piloten also mindestens genauso wichtig wie die Daten, die wir nach einem Lauf aus dem Download erhalten."

Bei den meisten Rennen verändert der Wind nicht nur die Bedingungen in der Strecke, sondern auch die Art und Weise wie der Pilot den Track fliegt. Am Balaton war jede Session anders. In kurzer Zeit erlebten die Piloten ein Wetter, das von Regen und 22 Knoten Windgeschwindigkeit bis hin zu Windstille und strahlendem Sonnenschein reichte. Ändert sich also der goldene Winkel unter diesen variablen Bedingungen? „Ja, und wir hatten viele Diskussionen über den Wind schon bevor man in die Strecke kommt. Man kann aber Informationen erhalten, die helfen können, den Wind einzuschätzen, z.B. aus dem Rauch, der irgendwo aus einem Schornstein kommt, aus den Wellen auf der Wasseroberfläche oder aus der Bewegung der Pylone. Wenn man mehr Wind hat, dann ist ein größerer Winkel möglich, etwa fünf oder zehn Grad“, erklärt Wolfrum.

Werner Wolfrum (r) lädt die Daten von McLeod's Flugzeug runter

Beim Fliegen mit 200 Knoten sind fünf oder zehn Grad schwierig zu beurteilen. Wolfrum vergleicht es mit dem Fahren auf der Autobahn. „Das Gefühl, dass die Straße bei sehr schneller Fahrt immer enger wird? Man muss sich das so vorstellen: Um das richtige Ziel zu erreichen, wenn sich die Dinge immer näher und näher anfühlen, sind zehn Grad bei dieser Geschwindigkeit wirklich nichts. Und das ist es, wovon ich immer fasziniert bin. Dass diese Millimeter unter dem Einfluss dieser Geschwindigkeit und mit 10G möglich sind, ist für mich immer noch beeindruckend. Und das ist nur möglich, wenn die Piloten eine Bindung zu ihrem Flugzeug – der Verlängerung ihres Körpers – spüren. Es gibt Nuancen, die einen großen Unterschied machen. Millimeter machen einen großen Unterschied, und es ist leicht zu viel zu tun. Pete muss es fühlen, es ist nicht nur eine Zahl oder ein Winkel, den ich ihm geben könnte.“

McLeod ist schnell dabei, seinen Taktiker zu loben und herauszustellen, was für ein wertvolles Mitglied er für das Team ist. „Werner achtet auf alle Details der Analyse. Von der Motor- und Flugzeugkonfiguration über die zu fliegende Strecke einschließlich 3D-Modellierung und Analyse bis hin zur Effizienz, wie diese Strecke am besten geflogen wird. Es ist nicht nur der Weg, den man fliegt, sondern auch wie man ihn fliegt, der heutzutage einen großen Unterschied beim Red Bull Air Race ausmachen kann!“

Teamwork zur Ermittlung der besten Linie

Jedes Team der Serie hat seine eigene, einzigartige Art der Zusammenarbeit. Wie kommen dann Taktiker und Pilot zu einer Lösung, wenn es also eine knifflige Linie gibt oder etwas nicht ganz planbar ist?

„Ich weise auf die Optionen hin, die ich sehe, und Pete hat aus seiner Sicht vielleicht andere Optionen. Dann diskutieren die unterschiedlichen Möglichkeiten“, fährt Wolfrum fort. „Für mich macht es keinen Sinn, einen Track oder ein Konzept auszuarbeiten und dann zu Pete zu gehen und zu sagen: 'Das ist die Lösung, mach es so.' Am besten man spricht darüber, dann hat Pete die gleiche Visualisierung der Strecke, denn er muss sie am Ende fliegen. Das Ziel ist es, das Pete für verschiedene Ansichten offen ist, denn er muss verschiedenen Optionen bzw. alle Möglichkeiten kennen, um dann die richtige auswählen zu können – weil er alles kennt und weil er es spürt, was sein Flugzeug tut.“

Wolfrum hat seinen Simulator für zwei Funktionen programmiert: Training und Visualisierung. McLeod mag es jedoch nicht, im Simulator zu sitzen, weil er die G-Kraft nicht fühlen kann – denn diese ist ein großer Faktor, wenn es um das Handling am Stick geht. Für seine Visualisierung ist der Simulator aber wiederum sehr hilfreich.

Wolfrum und McLeod sind in der Lage, sich durch die komplette Strecke zu bewegen – von außen, von der Seite und direkt vor dem Gate. Die andere Funktion des Simulators ist, alle Daten aus dem Flugzeug zu analysieren, sie im Simulator zu einer Linie zu kombinieren und sie dann praktisch von allen Seiten zu betrachten. „Diese Art von Diskussionen verdeutlicht die Komponenten, die sich in Petes Kopf abspielen, so dass er die Kombinationen versteht. Petes Geschick erlaubt es ihm, mit solchen Informationen sehr gut zu arbeiten, um am Ende den richtigen Weg zu finden“, verdeutlicht Wolfrum.

Abschließend stimmte McLeod seinem Taktiker zu: „Der Pilot muss schließlich rausgehen und die Linie vervollständigen, und er wird immer durch menschliche Faktoren begrenzt sein. Deshalb funktioniert dieses Tool so gut, weil das visuelle Coaching des Piloten ein sehr effizienter Weg ist, um die Informationen zu liefern.“

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