Halls lange Reise zum WM-Titel

Das Warten hat sich für den neuen Titelträger gelohnt

Im letzten Lauf des finalen Rennens der Red Bull Air Race Weltmeisterschaft schaffte der Australier Matt Hall, der zuvor bereits viermal auf dem Gesamtpodium stand, endlich den Sprung ganz nach oben.

Und dabei hätte der Druck kaum höher sein können. Hall, dreimaliger Vize-Weltmeister und zudem noch einmal Dritter, reiste als Zweitplatzierter zum Saisonfinale 2019 nach Chiba in Japan. Und weil die Serie nach diesem Jahr nicht weiter fortgeführt wird, war es zugleich auch Halls letzte Chance auf den Titel. Als ob das nicht genug gewesen wäre, sah es aufgrund eines Taifuns lange Zeit so aus, als müsste man das Rennen sogar absagen, was bedeutet hätte, dass Hall wieder einmal mit dem Titel des Vizeweltmeisters hätte vorliebnehmen müsste.

„Ich habe das schon das ein oder andere Mal durchgemacht, doch es war mehr Druck, weil es die letzte Chance war“, erklärte der ehemalige Wing Commander der Royal Australian Air Force. „Ich habe versucht, cool rüberzukommen, aber tief im Inneren habe ich mental sehr hart daran gearbeitet, um auf Kurs zu bleiben.“

Halls Weg an die Spitze begann bereits in seiner Debütsaison 2009, als er auf Anhieb das erste Gesamtpodium für Australien holte. Kein anderer Neuling hat es je geschafft, sich so weit vorne im Gesamtklassement zu platzieren. 2015 war der Aussie der einzige Pilot, der mit der britischen Legende Paul Bonhomme mithalten konnte. Hall gewann sogar das Saisonfinale, verpasste die Krone aber um winzige fünf Punkte. Im darauffolgenden Jahr konnte sich Hall gut von Rückenproblemen erholen und kämpfte gegen einen dominanten Matthias Dolderer um den Titel. Doch der Deutsche ließ nichts anbrennen, Hall beendete die Saison ein weiteres Mal auf Platz zwei in der Gesamtwertung.

2017 hatte Hall Probleme mit seinem MXS-R Rennflugzeug, ein Wechsel auf eine Edge 540 wurde erforderlich. Dementsprechend war 2017 ein Jahr der Neuorientierung. Der Japaner Yoshihide Muroya gewann die Weltmeisterschaft, Martin Sonka aus der Tschechischen Republik wurde Zweiter, Hall Sechster.

2018 sah es für Hall und seine Teamkollegen David Finch (Techniker), Peter Wezenbeek (Taktiker) und Andrew Musgrove (Teamkoordinator) danach aus, als würde es ihr Jahr werden, denn mit mehreren Siegen hintereinander stand der Pilot zum ersten Mal in seiner Karriere in der Rangliste ganz oben. „Ich bin im Angriffsmodus viel besser als im defensiven Modus. Am Ende der Saison werden wir sehen, wo wir stehen“, kommentierte er. Als das Finale vor der Tür stand, war Hall angriffslustig, verpasste aber in einem packenden Finale den Titel um die Winzigkeit von drei Zehntelsekunden. Weltmeister wurde Sonka.

Anfang 2019 erklärte Hall: „So etwas wie Weltmeister werden, das ist ein Traum, kein Ziel. Ich denke nicht, dass du einen Traum mit einer Zeitleiste versehen solltest.“ Motorprobleme führten beim Saisonauftakt dazu, dass das Team lediglich auf Platz fünf landete, und mit der Ankündigung, dass das Red Bull Air Race nach einer verkürzten Saison 2019 nicht fortgesetzt werden würde, hatte Hall auf einmal eine Zeitleiste – ob er eine wollte oder nicht. Obwohl Muroya die Rennen 1 und 2 gewann und Hall beim dritten Event triumphierte, lag Sonka vor dem letzten Rennen in Chiba in Führung. Und dort baute der tschechische Star seinen Vorsprung im Qualifying direkt um zwei weitere Punkte aus.

Trotz zwischenzeitlichem Wind und Regen am Sonntag fand der wahre Sturm in der Rennstrecke statt. Muroya verlor das erste Kopf-an-Kopf-Duell des Tages, und dann kassierte Sonka erstaunlicherweise ein Over G, was dazu führte, dass er seinen Heat verlor. Damit war die Weltmeisterschaft für Hall in greifbare Nähe gerückt – bis Muroya als Fastest Loser dann doch noch den Sprung in die nächste Runde schaffte. Am Ende standen beide im Final 4. „Es war hart und emotional“, so Hall. „Ich dachte: Wann endet dieser Tag?“

Hall muss Platz drei erreichen, um den Titel zu holen, und der Kanadier Pete McLeod öffnete die Tür weit, indem er gleich mehrere Strafen kassierte – unter anderem aufgrund eines Pylonentreffers. Muroya blieb fehlerfrei, ebenso wie der etwas langsamere Kirby Chambliss aus den USA. Hall flog als Letzter. „Pete [Wezenbeek] hat seinen Kopf in das Cockpit gesteckt kurz bevor es los ging und mir gesagt, dass Pete einen Pylon getroffen hatte“, sagte Hall. Musgrove überprüfte schnell die Ränge und bestätigte, dass der dritte Platz den Titel bedeuten würde. „Als es losging dachte ich: Ich fliege einfach einen straffreien Lauf, und dann ich kann Weltmeister werden“, erzählte Hall.

Er fährt fort: „Ich war nicht nervös. Mein Ziel war es, circa eine Minute zu benötigen, und das habe ich geschafft. Jimmy [DiMatteo, Renndirektor] hat aber lange gebraucht, um mir meine Zeit mitzuteilen, also musste ich sitzen und abwarten: „Habe ich eine Strafe bekommen, von der ich nichts wusste? Oder hat Pete mit dem Pylonentreffer eine 56er Zeit hingelegt und ich habe gerade die Meisterschaft verloren?“

Als DiMatteo bekannt gab, dass Hall Dritter war, wusste der Pilot, dass sein Meisterschaftstraum Wirklichkeit geworden war. „Ich war besorgt, dass ich die berühmteste Brautjungfer der Geschichte werden würde, also ist es eine große Erleichterung, es endlich geschafft zu haben“, gibt Hall zu.

Hall war besonders begeistert davon, diesen Traum vor 98.000 Zuschauern in Chiba verwirklicht zu haben. “Abgesehen von Australien ist dies der beste Ort für mich, denn wir haben eine wirklich große Fangemeinde in Japan, und viele Australier und meine Familie sind für dieses Rennen hierhin gekommen. Man achtet nicht auf die Menge als Pilot, aber als mir gesagt wurde, dass ich Weltmeister bin, habe ich gefragt, ob ich die Strecke entlang fliegen darf. Das war das erste Mal, dass ich die Menge gesehen habe, und es war absolut spektakulär.“

Als die Crew begann, die Rennstrecke abzubauen, wurde Hall dann doch noch ein wenig emotional. „Es fühlt sich gut an, bei etwas der Beste der Welt zu sein“, sagte er. „Wir haben die Spitzenreiter immer herausgefordert, standen fünfmal auf dem Podium. Es nie ganz nach oben geschafft zu haben, das vergisst du dein ganzes Leben nicht. Jetzt kann ich sagen: Ich bin Weltmeister.“

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