Von Zyklonen und Haien: Der Aufbau einer Rennstrecke

Die Air Gates für das Red Bull Air Race zu errichten, ist fast so kompliziert, wie in der Rennstrecke zu fliegen. Die größten Herausforderungen warten aber über Wasser.

"Die meisten Herausforderungen haben etwas mit der Natur zu tun", erklärt Marko van Es, der als Head of Racetrack Operations zusammen mit seiner Kollegin Ivanka Kösters den Aufbau bei den Events leitet. Seit er 2005 erstmals mit dem Sport in Berührung kam, hat er eine Menge gesehen.

"In London hatten wir aufgrund der Gezeiten eine Differenz von sieben Meter beim Wasserstand, einen tropischen Zyklon in Japan und den größten Sturm in 40 Jahren in Abu Dhabi, um nur ein paar Extreme zu nennen", erinnert sich Van Es. "Dann hatten wir in San Francisco Seelöwen, die die Kabel fressen wollten, und Bullenhaie im Fluss bei Perth – während wir unter Wasser gearbeitet haben!"

Marko van Es und Ivanka Kösters, die Köpfe der Racetrack Operations

Worauf kommt es bei einer Rennstrecke mit Air Gates auf dem Wasser an, wenn die Pylonen auf schwimmenden Kähnen befestigt sind?

"An Land kann man die Position markieren und alles bleibt stehen. Wenn sich die Rennstrecke auf dem Wasser befindet, bewegt sich alles", stellt der Technical Team Captain Peter Maaskant heraus. "Wir haben unterschiedliche Tiefen, manchmal Flut und manchmal Ebbe. Und auf dem Wasser können wir hohe Wellen und starke Winde haben. Das beeinflusst die Position der Kähne. Wir arbeiten mit Ankern und Stahlseilen, um alles an Ort und Stelle zu halten."

Für die Basis von nur einem Single-Pylon in der Schikane des Tracks sind drei 40 Fuß (12 Meter) Kähne miteinander verbunden, und die Anker, die die Kähne festhalten, wiegen bis zu 1.000 Kilogramm. Wenn die 25 Meter hohen Pylonen aufgeblasen werden, verhalten sie sich ähnlich wie Segel, die eine Kraft von bis zu 1,5 Tonnen auf den Anker und die Verbindungskabel auswirken. Erstaunlicherweise werden alle Arbeiten an den Ankern von dem Team per Hand durchgeführt, und bei jedem Stopp wird bis zu sechs Kilometer Kabelmaterial verarbeitet.

Um sicherzustellen, dass alles dort bleibt, wo es hingehört, benutzt das Red Bull Air Race an vielen Locations ein ROV ((Remotely Operated Vehicle). Dieses Fahrzeug kann eine Tiefe von bis zu 300 Metern erreichen und sendet der Crew Live-Bilder, damit diese innerhalb von weniger Minuten die Lage der Anker einschätzen kann.

Der Schutz der Umwelt in Cannes

Keine zwei Events gleichen sich. Der Meeresboden in Cannes ist weitestgehend mit Seegras bedeckt, das bedeutend für das Ökosystem ist. Das Team hat also zuerst einen Sonarscan durchgeführt, um herauszufinden, wo sie die Anker eventuell befestigen können. Dann haben sie 60 Prozent der Stahlseile durch 18 Millimeter dicke Seile aus einer sehr stabilen Faser (Bruchlast 30.000 Kilogramm) ersetzt. Zudem haben sie darauf geachtet, dass die Seile nicht den Meeresboden berühren. Das Team war bereits sechs Wochen vor dem Rennen in Cannes vor Ort, um in Ruhe die richtige Position der neun Air Gates herauszufinden. Dafür verwendeten sie den ROV und präzise GPS-Koordinaten. Allein die Lieferung des benötigten Materials hat eine Woche in Anspruch genommen, weil man 42 Lastwagen benötigte, um alles zu transportieren. Und in Cannes gab jeweils immer nur Platz für einen LKW...

Die Herausforderung des offenen Gewässers in Chiba

Wenn es darum geht, eine Rennstrecke auf einem offenen Gewässer wie in Chiba zu errichten, kann man sich nichts Kompliziertes vorstellen – selbst wenn es keinen Zyklon gibt.

"Chiba ist aufgrund des Wetters unberechenbar. Mit ein wenig Wind werden die Wellen schnell bis zu zweieinhalb Meter hoch. Das ist gefährlich für die Kähne, die sich nah am Ufer befinden", erklärt Van Es. "An dieser Location arbeiten wir mit 42 der 1.000 Kilogramm Anker. Sechstausend Meter der 18 Millimeter Stahlseile sind für die Anker in Gebrauch, und zwischen den Seilen und den Ankern haben wir eine zehn Meter lange Kette, die 750 Kilogramm wiegt. Wenn wir die Kette nicht verwenden würden, würden die Seile brechen."

Ein Wettlauf gegen die Zeit in Budapest

Das legendäre Red Bull Air Race Event in Budapest ist aufgrund der Lage der Donau ebenfalls kein Kinderspiel. Bei einem anderem Klassiker, dem Rennen in Abu Dhabi, ist ein Team von neun Personen mit drei Booten im Einsatz, um an acht Tagen die Rennstrecke aufzubauen, die den kompletten Event über stehen bleibt. In Budapest wiederum wird die Rennstrecke jeden Tag in nur für 54 Minuten errichtet und dann binnen 30 Minuten am Nachmittag nach dem letzten Flug wieder abgebaut – alles, um den Schiffverkehr auf der Donau zu ermöglichen.

In Budapest hilft die ungarische Armee beim Aufbau des Tracks.

Van Es erklärt: "Das ist nur möglich, weil wir mit einem Team der ungarischen Armee zusammenarbeiten. Wir bauen die Strecke mit 85 Personen und 32 Booten auf, benutzten fünf 45 Kilogramm schwere Anker pro Air Gate – im Gegensatz zu vier 500 Kilogramm Anker pro Gate in Abu Dhabi. Das ist heikel, weil die kleinen Anker die Last der Strömung und des Windes, der auf die Pylonen einwirkt, aushalten müssen."

Weil das Rennen in Budapest kurz vor der Tür steht, haben Van Es und sein Team den Blick immer auf die Wettervorhersage gerichtet. "In Budapest müssen wir nicht nur mit der starken Strömung zurechtkommen, auch der Wasserlevel ist in jedem Jahr anders. Die Herausforderungen für das Rennen und die Strecke ergeben sich immer daraus, wie viel Regen es flussaufwärts gab und wie der Wind an dem jeweiligen Tag steht." Beim Kampf um die Weltmeisterschaft der 14 Elite-Rennteams muss sich das Race Operation Team auf alles gefasst machen...

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